Aktuelles Heft

Band 12/1 – 2021

Universität zu denken,
zu konzipieren

herausgegeben von
Wolfgang Christian Schneider
und Kirstin Zeyer

 

Inhaltsverzeichnis

  • Vorwort
    Wolfgang Christian Schneider
  • Gutachten zur Predigerausbildung
    im Herzogtum Weimar von 1797
    Johann Gottfried Herder
  • Predigerausbildung an der Universität?
    Gutachten des Generalsuperintendenten von Weimar,
    Johann Gottfried Herder (1797)
    Tilman Borsche
  • Über das akademische StudiumJohan Vilhelm Snellman
  • Die Schrift „Über das akademische Studium” von
    Johan Vilhelm Snellman – Eine Einführung
    Hans Peter Neureuter
  • Deducirter Plan zu Vorträgen über die Hodegetik, und zu
    einem damit zu verbindenden hodegetischen Leseverein
    Karl Hermann Scheidler
  • Karl Hermann Scheidler (1795-1866):
    Streiter für die Hodegetik
    Kirstin Zeyer
  • Die Aufgaben der Universitäts-Philosophie
    Johannes Maria Verweyen
  • Verweyens existentiell-ethische Neuverortung
    der akademischen Philosophie (1910)
    Wolfgang Christian Schneider
  • Die Errichtung von Lehrstühlen für Ethik und Religions-
    philosophie an den jüdisch-theologischen Lehranstalten
    Hermann Cohen
  • Hermann Cohens Plädoyer für
    Die Errichtung von Lehrstühlen fur Ethik und Religionsphilosophie
    an den jüdisch-theologischen Lehranstalten
    Susanne Möbuß
  • Probleme der Durchführung des studium generale
    Georg Picht
  • Pichts Idee eines „studium generale” und seine
    Kritik an der Universität der Nachkriegszeit
    Niklas Hoyme
  • Vom gegenwärtigen Zerfall der Snellman’schen
    Universitätsidee in Finnland
    Ewald Reuter
  • Nachruf: Prof. Dr. Lothar Graf zu Dohna (1924 – 2021)
    Wolfgang Christian Schneider

Buchbesprechungen

  • Christoph Hammann: Katharsis in Kaiserzeit und Spätantike.
    Vorstellungen von Reinigung in Medizin, platonischer Philosophie
    und christlicher Theologie des 2. bis 4. Iahrhunderts n. Chr.
    Göttingen 2020
    Harald Schwaetzer
  • Hans Gerhard Senger: Nikolaus von Kues. Leben – Lehre –
    Wirkungsgeschichte. Heidelberg 2017
    Kirstin Zeyer
  • Danz, Christian (Hg.): Schellings Gottheiten von Samothrake
    im Kontext. Göttingen 2021
    Harald Schwaetzer
  • ]akob Frohschammer: Ausgewählte Vorlesungshandschriften zur
    Philosophie- und Theologiegeschichte. Nachgelassene Schriften
    Band 3. Mit textkritischem Apparat sowie Namen- und Sachregister.
    Editorisch bearbeitet, eingeleitet und herausgegeben von Raimund
    Lachner. Tübingen 2020
    Harald Schwaetzer
  • Hermann Cohen: Briefe an August Stadler. Herausgegeben von
    Hartwig Wiedebach. Basel 2015
    Kirstin Zeyer

Vorschau auf das kommende Heft

Zu den Autoren

Vorwort

UNIVERSITÄT ZU DENKEN, ZU KONZIPIEREN

Das Bemühen um Bildung begleitet jede menschliche Gesellschaft. Für die höhere Bildung besaß Europa seit dem 11. ]h. einen besonderen Ort in den Universitäten. Notwendig ist es freilich immer, diesen Bildungsort mit den Gegebenheiten in der jeweils zeitgenössischen Gesellschaft in Einklang zu bringen: die hohen Schulen sind daher unumgänglich einer beständigen Reform unterworfen. Eine beispielhafte Rückschau darauf, die manche Anregung enthält, bietet der vorliegende Band der Coincidentia. Er bringt einige wichtige Originaltexte, gekoppelt mit situierenden Erläuterungen. Am Beginn steht ]ohann Gottfried Herder mit seinen Reformvorschlägen für die Universität ]ena 1797, erläutert von Tilman Borsche. Herder reiíšt gleichsam die Problematik von Hochschulbildung in der Spätaufklärung auf, spricht auch von Aspekten der akademischen Freiheit, und weist so den Weg auf, den dann Humboldt in der Breite öffnet. Darauf folgen zwei Impulse aus der Zeit um 1830/1840: zunächst ein – erstmals übersetzter – Text von dem finnischen Reformer ]ohan Vilhelm Snellman, in den Hans Peter Neureuter einführt. Er erklärt die für Snellman konstitutive Verbindung von nationaler Selbstfindung und einem Streben nach individueller sittlich bestimmter Selbstverantwortung des Einzelnen, das unbedingt eine freie Entfaltung will. Diese beiden Texte werden von einem gleichzeitigen Text aus Deutschland sekundiert: einem reformerisch-hochschuldidaktischen Entwurf von Karl Hermann Scheidler, den Kirstin Zeyer verortet und deutet. Scheidler lehrte an der Universität ]ena und stieíš dort – unter dem Stichwort der Hodegetik – Reformen im Hochschulunterricht an, bei denen er an Herder anschloss. Zusätzlich achtet er auf konkrete lebensnahe Hilfen für die Studierenden. Darauf folgt ein Autoren-Paar, das um 1900 Fragen der Reform und Neuorientierung im Hochschulbereich thematisiert: ]ohannes Maria Verweyen, der an der Universität Bonn lehrte, mit einem Text von 1910, in dem er eine auch gesellschaftspolitisch engagierte, den geistigen Erfordernissen seiner Zeit entsprechende Lehre im Bereich der Philosophie fordert, deren Bedeutung Wolfgang Christian Schneider darlegt. Neben ihn tritt ein Text von Hermann Cohen vom ]ahre 1904, den Susanne Möbuß erläutert; er stellt die Notwendigkeit einer eigenständigen akademischen Bildungseinrichtung für das Judentum heraus. Mit beiden Texten wird die Lage der Universität um 1900 in den Blick genommen, vor dem Ersten Weltkrieg, in einer Zeit, die durch verkrustete Tendenzen, aber auch durch reformerische Ansätze bestimmt ist. Die Lage nach den autoritären Eingriffen der nationalsozialistischen Machthaber, denen – oft allzu bereitwillig hingenommen – viele zum Opfer fielen (etwa auch J.M.Verweyen), vertritt ein Text von Georg Picht. In einem bislang unveröffentlichten Vortrag von 1950 verlangt er einen Neuansatz und wirbt für ein allgemein orientierendes „studium generale” an den Universitäten, was Niklas Hoyme im Einzelnen nachzeichnet. Der Rückgriff auf reformpädagogische Ansätze der Iahrhundertwende zielt einerseits darauf, die noch immer gegebenen obrigkeitlichen Strukturen und die durch die NS-Hörigkeit bewirkten Schädigungen zu beseitigen, will andererseits die Universität im Zuge einer Erneuerung der akademischen Freiheit zu einer ganzheitlich verantworteten freien Kreativität hinführen. Dies trug wesentlich zu der in den 1960er ]ahren einsetzenden Reform an den Hochschulen bei. Den Abschluß dieser Reihe exemplarischer Blicke auf die Universität bildet ein Bericht von Ewald Reuter über die gegenwärtige Lage der Universität in Finnland, der zugleich beispielhaft für die derzeitigen Gegebenheiten an den europäischen Hochschulen insgesamt stehen kann. In Finnland, wie im übrigen Europa, ist an die Stelle eines Bemühens um Bildung, die seit Herder und Humboldt immer wesentlich auch Selbstbildung meinte, weithin eine Ausbildungsbetriebsamkeit getreten, die sich an Bedürfnissen und Fertigungsvorgängen der Wirtschaft orientiert. Das persönliche Reifen ist in den Hintergrund gedrängt, die eigene Kreativität, das neue, erneuernde Fragen, wird durch einzwängende überdichte Studienordnungen erschwert, ja verhindert.

Zu den Originaltexten sei angemerkt, dass jeweils zwischen Schrägstrichen die Seitenangaben der Vorlage geboten werden. Die vielen Sperrungen wurden jedoch nicht übernommen

Wolfgang Christian Schneider