Aktuelles Heft

Band 11/1 – 2020

Sozialer Friede

herausgegeben von Wolfgang Christian Schneider

Inhaltsverzeichnis

  • Vorwort
    Wolfgang Christian Schneider
  • Sozialer Friede – Cusanische Perspektiven.
    Aufriss für die 7. Kueser Gespräche
    Harald Schwaetzer
  • Die Bedeutung des Laien für den sozialen Frieden
    Kazuhiko Yamaki
  • Personaler und Sozialer Friede. Kulturgeschichtliche Blicke
    auf Friede und Unfriede und die Identität des Einzelnen
    Wolfgang Christian Schneider
  • Wege zum sozialen Frieden in friedlosen Zeiten.
    Michel de Montaigne, Essais III 13
    Tilman Borsche
  • Eine sanfte Brise. Sufismus im Sudan – der Ruf des Meisters
    Inigo Bocken
  • „Sie tragen die Geister auf offener Handfläche“. Friede
    („heping“) im frühest erhaltenen Laozi-Kommentar
    Chinas, Zhuang Zuns 莊遵 Laozi zhigui 老子指歸
    Hermann-Josef Röllicke
  • Karl Jaspers und Heinrich Barth als Zeitgeist-Diagnostiker –
    Soziale Unzufriedenheit als Anreiz für die Entstehung ihrer
    Existenzphilosophie
    Coban Menkveld
  • Paul Jostock: Soziallehre und Sozialreform als
    Grundlagen des sozialen Friedens
    Kirstin Zeyer
  • Die Krise des Liberalismus und der Niedergang
    der Sozialdemokratie
    Donald Loose
  • Zahl und sozialer Friede – Ein Versuch
    Gregor Nickel
  • Bedingtheit, menschliche Existenz und Bildung im Digitalen
    Fabian Warislohner
  • Der Mensch als Ziffer? Pädagogik vor der Digitalisierung
    Matthias Fechner

Buchbesprechungen

  • Donata Romizi: Dem wissenschaftlichen Determinismus auf
    der Spur. Von der klassischen Mechanik zur Quantenphysik.
    Freiburg / München 2019
    Harald Schwaetzer
  • Alfred Dunshirn: Aristoteles: Wegbereiter der Metaphysik.
    Reihe: Philosophie für unterwegs, Bd. 4. Halle a.d. Saale 2020
    Nicole C. Karafyllis
  • David Bartosch: „Wissendes Nichtwissen“ oder „Gutes Wissen“?
    Zum philosophischen Denken von Nicolaus Cusanus
    und Wang Yángmíng. Paderborn 2015
    Kirstin Zeyer
  • Brendan Theunissen: Hegels Phänomenologie als metaphilo-
    sophische Theorie. Hegel und das Problem der Vielfalt der
    philosophischen Theorien. Eine Studie zur systemexternen
    Rechtfertigungsfunktion der Phänomenologie des Geistes.
    Hegel-Studien, Beiheft 61. Hamburg 2014
    Michael Lewin
  • Christopher Arnold: Schellings frühe Paulus-Deutung. Die
    Entwicklung von F.W.J. Schellings Schriftinterpretation und
    Christentumstheorie im Zusammenhang der Tübinger
    Theologie seiner Studienzeit und der hermeneutischen
    Theoriebildung seit der Frühaufklärung.
    Schellingina 29. Stuttgart 2019
    Harald Schwaetzer
  • Friedrich Wilhelm Joseph Schelling: Werke 12: Schriften
    1802-1803. Hg. v. Paul Ziche / Vicki Müller-Lüneschloß.
    In zwei Teilbänden. Stuttgart 2019
    Harald Schwaetzer

Vorschau auf das kommende Heft

Zu den Autoren

Vorwort

SOZIALER FRIEDE

Die Vorstellung von Frieden wird meist vom Krieg her gedacht, als Abwesenheit von Krieg. Wie wenig das den Kern trifft, wird deutlich, sobald das Moment des (äußeren) Krieges zurücktritt. Dann ist zu spüren, dass der Friede im Inneren, die Art, wie die Menschen im Sinne eines ‚wir‘ zueinander stehen, das Entscheidende ist – zu spüren gerade in Zeiten erzwungener Abstandnahme zum Schutz des jeweils Anderen. So ist der „Soziale Friede“ das Thema der 7. Kueser Gespräche, für die der vorliegende Band Anstöße geben will. Einleitend erläutert H. Schwaetzer den Sozialen Frieden aus der Perspektive des großen Philosophen aus Kues. Friede, so bestimmt er den Zielraum, muss geübt werden, dabei ist Selbsterkenntnis verbunden mit Zuwendung und Wohlwollen, dem wachen und geduldigen Blick auf den Anderen als Teil eines zu wahrenden Ganzen das Wesentliche. K. Yamaki stellt im folgenden Beitrag heraus, dass für das Gelingen eines sozialen Friedens gerade dem Laien, also dem unbefangenen Blick aus dem allgemeinen Leben, große Bedeutung für angemessene Entscheidungen über unsere Fragen zukommt. Unter Hinweis auf frühe Dichtungen legt dann W. Ch. Schneider dar, welche Bedeutung die Verletzung des Personalen hat, das mit dem Sozialen innig verschränkt ist. Es ist die Ent-Ehrung, die Friedlosigkeit auslöst, auch den Kampf, um Frieden wieder zu gewinnen. T. Borsche erörtert die Möglichkeiten des Friedens anhand der Werke von Hobbes und Montaigne; während der erstgenannte soziale Ordnung und Friede ganz von der Herrschergewalt ableitet, sieht letzterer das der Gerechtigkeit verpflichtete erübte Tun des Einzelnen, je nach Maßgabe des Angemessenen, als bestimmend an. I. Bocken liefert dafür gleichsam einen Beleg in seinem Bericht über einen Besuch bei einem Sufi-Meister, der vermittelt, wie der Friede vom Innen her ausstrahlt. Wie bedeutsam der innere Friede im chinesischen Denken ist und wie sehr er mit dem äußeren verschränkt ist, erläutert H.-J. Röllicke anhand des frühesten Laozi-Kommentars. Das Sein des Herrschers gilt als unmittelbar wirksam, selbst ein friedvolles Handelnwollen bedeutete schon eine Störung der in sich bestehenden Friedensordnung. Die nachfolgenden Beiträge richten den Blick in die Moderne. C. Menkveld erörtert die Stellungnahmen von Jaspers und H. Barth zu sozialem Frieden und sozialer Unzufriedenheit. Für Jaspers steht das Dialogische im Mittelpunkt, wodurch er letztlich weniger vom Frieden als vielmehr vom Konflikt her denkt, in dessen kommunikativem Ausgleich Friede wie Wahrheit möglich wird. Barth geht von konkurrierenden Interessen aus, die durch Zugeständnisse und Kompromisse – nach der Maßgabe des Guten – einem ‚Gesamtinteresse‘ zuzuführen sind. Dem entspricht, wie K. Zeyer zeigt, weitgehend die Soziallehrenkonzeption P. Jostocks, der durch soziale Reformen Frieden ermöglichen will. D. Loose bestätigt dies von der Gegenseite her mit seiner kritischen Prüfung des konkreten Handelns von Liberalismus und Sozialdemokratie in der Neuzeit. Daran schließen sich zwei Beiträge an, die die wissenschaftlichen Grundlagen der Datenerfassung mit dem Ziel der Herstellung eines friedlichen Sozialraums veranschaulichen; G. Nickel erläutert die mathematischen Mittel, F. Wahrislohner die computertechnischen Probleme, denen unsere Gesellschaft gegenübersteht – beide zeigen sich hinsichtlich der Auswirkungen auf den Menschen und den sozialen Frieden, zumal hinsichtlich der Wahrung des Menschlichen, durchaus skeptisch. Der letzte Beitrag von M. Fechner zeichnet den Konflikt zwischen ‚mechanischer‘ und ‚organischer‘ Pädagogik in der Neuzeit nach, der auch die derzeit für das Schulwesen gepriesene Digitalisierung mit ihren mechanistischen Implikationen in Frage stellt. Die gewünschte in sich ruhende Persönlichkeit ist nur mit einem hinlänglichen Eingehen auf den Einzelnen zu erlangen, was am Ökonomischen ausgerichtete ‚mechanistische‘ Mittel ausschließt. Das bedeutet, dass die digitalen Instrumente in pädagogischen Zusammenhängen nur soweit zu nutzen sind, wie dabei das für einen sozialen Frieden unabdingbar Menschlich-Kreative, das Entscheidende bleibt. All diese Beiträge verstehen sich als Anstöße, den sozialen Frieden als leitend im Alltag zu denken und zu vollziehen.

Wolfgang Christian Schneider