Aktuelles Heft

Band 13/1 – 2022

Blicke ins Kommende

herausgegeben von
Wolfgang Christian Schneider
und Kirstin Zeyer

 

Inhaltsverzeichnis

  • Vorwort
    Wolfgang Christian Schneider
  • Die Absicht der Vernunft.
    Der Gebrauch von Begriffen in praktischer Absicht bei Kant
    Nico Graack
  • Begegnungen in Prag.
    Auf der Suche nach der großen Erzählung von Europa
    Stefan Waanders
  • Staatsbürgerschaft der Zukunft.
    Identität als Faktizität und Aufgabe
    Donald Loose
  • Ernst Robert Curtius (1886-1956): Ein Erbe der ‚Kultursynthese
    des Europäismus‘ von Ernst Troeltsch (1865-1923)?
    Bérénice Palaric
  • Zwiegespräch im Ich.
    Die Bedeutung des nicht-spezialisierten Denkens
    Johanna Hueck
  • Die Beweinung der Zukunft?
    Günther Anders’ Moralische Phantasie im Anthropozän
    Fabian Warislohner
  • Versuch eines bioethischen Imperativs.
    Das Leben als Aufgabe und Grenze praktischer Vernunft
    Martin Bunte
  • Die Stille der Natur: Das Ambivalente Wechselverhältnis
    von Natur, Mensch und Technik im Anthropozän
    Philipp Höfele
  • Schweifende Dichotomien in der weltumspannenden
    Mediengesellschaft. Die kulturellen Formate auf der
    Grenze zwischen Sinnlichkeit und Abstraktion
    Hans Friesen

Buchbesprechungen

  • Corinna Schubert: Masken denken – in Masken denken:
    Figur und Fiktion bei Friedrich Nietzsche. Bielefeld 2020
    Osman Choque-Aliaga
  • Nils Höppner / Klaus Feldmann (Hg.): Wie über Natur reden?
    Philosophische Zugänge zum Naturverständnis im
    21. Jahrhundert. Freiburg 2020
    Fabian Warislohner
  • Umezu, Tokihiko: Symbole als Wegweiser in Franz Schuberts
    „Winterreise“. Aus dem Japanischen übersetzt von Erika
    Herzog. Regensburg 2019
    Peter Dellbrügger

Vorschau auf das kommende Heft

Zu den Autoren

Vorwort

BLICKE INS KOMMENDE

Umstellt sind wir von Zukünften, trägt doch jede Gegenwart in sich die Wurzeln alles Kommenden, das im Jetzt schon steckt. Selbst in den konkreten kleinen Vollzügen im Alltäglichen geschieht immer auch Zukunft: In Bejahung und Widerspruch, in Fortentwicklung und Verkürzung, Abweichung und Verschiebungen entwickelt und gestaltet der Mensch sein je besonderes Dafürhalten hinsichtlich eines Fortkommens – antwortend auf Wollen und Vorhaben im ihn Umgebenden. Jedes Mit- und Zueinander verweist den Einzelnen darauf, ein Meinen und Begehren Anderer wahrzunehmen und dies beim eigenen Tun zu berücksichtigen. Auch für die einfache Kommunikation gilt das, um so mehr für jedes Entwerfen, das ein „soll sein“ enthält. So unbedingt der Einzelne auch im Gegenwärtigen steht, das Kommende umschlingt ihn, nicht weniger als das Vergangene und Bedingende. Um sich zu entfalten, ja überhaupt zu leben, müssen Menschen das Kommende betrachten. Zu Beginn des Bandes bestimmt ein Beitrag von Nico Graack die gegebene Grundlage solchen Betrachtens mit Überlegungen zum Verhältnis von praktischer und spekulativer Vernunft im Hinblick auf eine mögliche Einheit – ein Projekt, das schon Kant selbst als Aufgabe formuliert hatte. Vor diesem Hintergrund verstehen sich die beiden folgenden Beiträge; zunächst der Bericht von Stefan Waanders über sein Erleben in Prag, das ihm unwillkürlich im Zeitgenössischen das Vergangene aufbrechen ließ und ihm Selbstprüfung bedeutete, ihn zu Selbstverpflichtung führte und zur Forderung, entschieden für ein neues gemeinsames Verstehen von Europa einzutreten. Ihm tritt Donald Loose zur Seite, der angesichts der konkreten gesellschaftlichen und politischen Gegebenheiten die Fragwürdigkeit des Europa derzeit bestimmenden Verstehens von Identität herausstellt. Bérénice Palaric belichtet entscheidende Phasen der darin maßgeblichen humanistischen Tradition im deutschen Bereich in zwei beispielhaften Haltungen. Unabhängig von ihren zeitbedingten Implikationen vermitteln sie Maximen, die auch für eine Weiterentwicklung des europäischen Wertegefüges bedeutsam sind. Dieser Selbstvergewisserung unter Rückgriff auf die prägenden Aspekte der Tradition muss, wie Johanna Hueck erläutert, als ebenso notwendig, ein Nachdenken darüber zur Seite treten, welcher Art ein Denken sein müsste, das sich in den ‚Horizonten des Suchens‘ fruchtbar bewegen kann. Es wird, um die mittlerweile in sich weitgehend abgeschlossenen Wissenssysteme in ein Gespräch mit einer offenen Gesellschaft zu führen, ein ‚nicht-spezialisiertes Denken‘ sein müssen. Dabei müssen freilich, so legt Fabian Warislohner dar, Aspekte des Moralischen wesentlich berücksichtigt werden – und zwar mit einer breit gelagerten zukunftsgerichteten Phantasie, um die Dynamiken der von uns angestoßenen Prozesse einbeziehen zu können. Diese – unter Rückgriff auf Günther Anders – vor allem im Hinblick auf die technische Seite behandelten Aufgaben ergänzt Martin Bunte mit seinen Gedanken zu einer notwendigen ethischen Selbstbesinnung im Natürlich-Lebensweltlichen. Im Anschluss an Kant müssen die Erfahrungen der unabdingbaren Einbettung des Menschen in die Natur verbunden werden mit dem menschenbezogenen Vernunftbegriff. Philipp Höfele umreißt die notwendig anzuerkennende Verschränktheit des menschlichen Tuns hinsichtlich des Technischen und Natürlichen im Einzelnen. Daraus folgt die Forderung an den Menschen, zurückzutreten, sich zurückzunehmen, das ihn Umgebende anzuerkennen und darauf zu ‚hören‘, was nichts anderes bedeutet, als ein In-Frage-Stellen der Ausrichtung aller Natur auf den Menschen. Demgegenüber – aber doch in entsprechendem Sinne – betrachtet Hans Friesen die aufgegebene Neubesinnung des Menschen im sozial-kulturellen Bereich. Gerade auch in der weltumspannenden Mediengesellschaft stellt sich die Aufgabe, das genuin ‚Menschliche‘, eigentlich Menschlich-Natürliche, neu zu durchdenken, soll nicht der Mensch selbst verloren gehen. Das meint, dass die technischen und medialen Instrumentarien der Vorstellung im Wechselspiel von Fiktion und Realität im Hinblick auf eine Wahrung des Menschlichen in seinen vielen, mitunter widersprüchlichen Regungen in den Blick genommen werden müssen, dies freilich im Sinne einer Einbettung des je besonderen Menschen in das ihn Umgebende des Lebens.

Wolfgang Christian Schneider