Aktuelles Heft

Band 9/2 – 2018

Die Frage des Tieres

herausgegeben von Kirstin Zeyer und Wolfgang Ch, Schneider

Inhaltsverzeichnis

  • Vorwort
    Kirstin Zeyer
  • Von der Seele der Tiere. Untersuchung über den Ursprung
    der anthropologischen Differenz bei Aristoteles
    Lara Becker
  • Nikolaus von Kues als Tierethiker. Spekulative Metaphysik als
    Ausgangspunkt für die Begründung einer neuen Tierethik
    Coban Menkveld
  • Montaigne und die Tiere
    Matthias Vollet
  • Didaktische Poesie als Opposition zur Tierautomaten-Theorie
    Descartes’. Christliche Tierschutzethik im Praedium Rusticum
    des Jacques Vanière SJ (1664 – 1739)
    Matthias Laarmann
  • Vom heiligen Vogel zur säkularen Natur-Ikone. Zur Geistes-
    geschichte des Eisvogels von der Antike bis heute
    Hans Werner Ingensiep
  • Tierbilder und Tierethik in China
    David Bartosch
  • Titus Brandsmas Sicht auf den Tierschutz und die
    Gemeinschaft der Geschöpfe nach Laudato Si’
    Kirstin Zeyer
  • „Wer Tiere quält, der quält auch Menschen!“ Wider eine
    fälschlich verbreitete Auffassung, wonach es mit einer
    Kantianischen Begründung der Tierethik nichts werde
    Heike Baranzke
  • Wie Derrida tierethisches Potenzial verspielt
    Jannis Elfers
  • Kognition und Bewusstsein bei nichtmenschlichen Lebewesen.
    Aktuelle Forschungsergebnisse und ihre Auswirkungen
    auf die Tier- und Umweltethik
    Petra Wenzl
  • Mensch und Tier und Pflanze im Gesamt der Natur –
    Ein Einwurf
    Wolfgang Christian Schneider

Buchbesprechungen

  • Dieter Lamping: Karl Jaspers als philosophischer Schriftsteller.
    Schreiben in weltbürgerlicher Absicht. Stuttgart 2018
    Harald Schwaetzer
  • Jeung Keun Park: Johann Arndts Paradiesgärtlein. Eine
    Untersuchung zu Entstehung, Quellen, Rezeption und
    Wirkung. Göttingen 2018
    Harald Schwaetzer
  • Johann Jakob Bachofens Gesammelte Werke IX. Reiseberichte,
    Autobiographie, Varia. Hg. v. Andrea Bollinger / Andreas
    Cesana / Fritz Graf. Basel 2015
    Wolfgang Christian Schneider
  • Schelling in Würzburg. Hg. v. Christian Danz.
    Schellingiana 27. Stuttgart – Bad Canstatt 2017
    Harald Schwaetzer
  • Schelling, Friedrich Wilhelm Joseph: Niethammer-Rezensionen
    (1808/09). Denkmal der Schrift von göttlichen Dingen (1812).
    Hg. v. Christopher Arnold / Christian Danz / Michael Hackl.
    Historisch-kritische Ausgabe im Auftrage der Bayerischen
    Akademie der Wissenschaften. Reihe I: Werke. Band 18.
    Stuttgart – Bad Cannstatt 2018
    Harald Schwaetzer
  • Schelling, Friedrich Wilhelm Joseph: Frühe Alttestamentliche
    Arbeiten (1789-1793). Notamina ex praelec. d. Schnurreri in
    Psalm. Animadversiones in Jeremiam et Jesajiam. Jeremias.
    Psalmen. Hg. v. Christopher Arnold / Michael Hackl.
    Historisch-kritische Ausgabe im Auftrage der Bayerischen
    Akademie der Wissenschaften. Reihe II: Nachlass. Band 2.
    Stuttgart – Bad Canstatt 2019
    Harald Schwaetzer
  • Pietro Daniel Omodeo: Copernicus in the Cultural Debates
    of the Renaissance. Reception, Legacy, Transformation.
    Leiden / Boston 2014
    Kirstin Zeyer

Vorschau auf das kommende Heft

Zu den Autoren

Vorwort

DIE FRAGE DER TIERE

Die „Frage der Tiere“ erhebt sich erneut: nach dem Heft „Tier und Mensch“ (Bd. 6, 2015). Diesmal versammelt das Heft Beiträge zum Symposium des Titus Brandsma Instituts (Nijmegen) zur Frage der Gemeinschaft aller Geschöpfe, im Huize Wylerberg in Beek-Ubbergen (2016), sowie einzelne weitere Texte zum Thema. Den Auftakt der vorliegenden Beiträge bildet die aristotelische Schrift De anima, die erste Monografie über die Seele überhaupt und zugleich erste Begründung der anthropologischen Differenz. Lara Becker untersucht die darin aufgewiesene Seelenstruktur der Lebewesen und findet fließende oder unbestimmte Übergänge vor allem zwischen Tier und Mensch. Ob und wie die Unterscheidung zwischen animal und animal rationale nach den Einsichten Darwins überhaupt noch trägt, an diese Frage knüpft Coban Menkveld an. Er greift auf Nikolaus von Kues als Tierethiker zurück, der das seinskonstitutive Anblicken Gottes über das menschliche ‚Ich‘ hinaus auf alle Lebewesen ausdehnt. Dass der Mensch auf derselben Stufe wie das Tier der Schöpfung angehört, versucht Montaigne von einem skeptischen Ansatz aus gegen den Hochmut menschlicher Vernunft zu zeigen. Matthias Vollet hebt dabei die graduellen Unterschiede zwischen Mensch und Tier in den Essays hervor, wie z.B. die vernünftige Kommunikation unter den Lebewesen – zugespitzt in der Frage: spiele ich mit meiner Katze oder spielt sie mit mir? Das auch von Montaigne verwendete Stilmittel der Aufzählung steht im Praedium Rusticum (Lob des Landlebens) des französischen Jesuitenpädagogen Jacques Vanière zentral, auf dessen Descartes-kritische Stoßrichtung Matthias Laarmann eingeht. Die Annahme der Leidensfähigkeit der Tiere macht dabei verständlich, weshalb gerade Jugendlichen ein tierfreundliches Landleben nahe gebracht werden soll. Von den vielen Tieren zur Betrachtung des Einzelfalls schreitet Hans Werner Ingensiep fort, der anhand exemplarischer Stationen der Geistesgeschichte des Eisvogels die große Spannweite der Frage beleuchtet, wie ein einst heiliger Vogel zu einer modernen Natur-Ikone wird. Im Rückgang auf das Altchinesische, wonach Tiere sich selbst bewegende Wesen Die Frage der Tiere (dòngwù) sind, verdeutlicht David Bartosch Reflexionsmöglichkeiten in transkultureller Bedeutung. Von der mythischen Rolle des Tieres über das Spurenlesen, in dem der Geist im Übersetzen angeregt wird bis hin zum Tier als Familienmitglied und Opfergabe spürt der Beitrag den Tieren in China nach. Dass Tierschutz nicht zuletzt schon in der Schule eingeübt werden soll, ist die Auffassung des 1942 im KZ Dachau zu Tode gekommenen Widerständlers, Karmeliten und Professors für Mystik Titus Brandsma. Wie Kirstin Zeyer zeigt, lässt sich der erzieherische Aspekt hierbei mit den Impulsen der Gemeinschaft der Geschöpfe nach Laudato Si’ vergleichen. Wenn Kinder gegen Tiere grausam sind, sind sie es später dann nicht auch gegen Menschen? Heike Baranzke setzt auseinander, dass dieses ‚Verrohungsargument‘, das sich bei Kant und seiner Quelle William Hogarth findet, nicht mit einer fundamentalethischen Begründung verwechselt werden darf. Ethisches Potential verspielt dagegen Jacques Derrida, der sich in seiner Schrift L’animal que donc je suis (Das Tier, das ich also bin) von 1997 in der eigenen Begegnung mit seiner Katze verliert, statt, wie Jannis Elfers u.a. im Hinblick auf Lévinas’ Humanismus entwickelt, zu einer Besserung der Mensch-Tier-Verhältnisse beizutragen. Aktuell und umfassend angelegt ist die Untersuchung von Petra Wenzl, die sich auf Methoden der Feststellung von Kognition und Bewusstsein bei nichtmenschlichen Lebewesen konzentriert und die Auswirkungen der Forschungsergebnisse auf die Tier- und Umweltethik diskutiert. Vor allem auch pflanzliche Organismen erweisen sich dabei als wesentlich komplexer, als bisher angenommen. Den Gedanken der Verwobenheit aller Wesenheiten der Natur und ihrer Bewegungen bezieht schließlich Wolfgang Christian Schneider wieder auf den Menschen, der Teil des Selbstvollzuges der Natur ist. Als Teil der Natur hat auch der Mensch Teil am Prozess der Nahrungsaufnahme, zu dem Essen/Fressen und Töten gehört. Die Auseinandersetzung mit dem Töten und nicht zuletzt mit dem eigenen Tod schafft erst die Voraussetzung für einen reifen und verantwortlichen Umgang mit der Natur.

Kirstin Zeyer