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C O I N C I D E N T I A
Zeitschrift für europäische Geistesgeschichte


 

Band 12/1 – 2021

Universität zu denken,
zu konzipieren

herausgegeben von
Wolfgang Christian Schneider
und Kirstin Zeyer

 

Inhaltsverzeichnis

  • Vorwort
    Wolfgang Christian Schneider
  • Gutachten zur Predigerausbildung
    im Herzogtum Weimar von 1797
    Johann Gottfried Herder
  • Predigerausbildung an der Universität?
    Gutachten des Generalsuperintendenten von Weimar,
    Johann Gottfried Herder (1797)
    Tilman Borsche
  • Über das akademische StudiumJohan Vilhelm Snellman
  • Die Schrift „Über das akademische Studium” von
    Johan Vilhelm Snellman – Eine Einführung
    Hans Peter Neureuter
  • Deducirter Plan zu Vorträgen über die Hodegetik, und zu
    einem damit zu verbindenden hodegetischen Leseverein
    Karl Hermann Scheidler
  • Karl Hermann Scheidler (1795-1866):
    Streiter für die Hodegetik
    Kirstin Zeyer
  • Die Aufgaben der Universitäts-Philosophie
    Johannes Maria Verweyen
  • Verweyens existentiell-ethische Neuverortung
    der akademischen Philosophie (1910)
    Wolfgang Christian Schneider
  • Die Errichtung von Lehrstühlen für Ethik und Religions-
    philosophie an den jüdisch-theologischen Lehranstalten
    Hermann Cohen
  • Hermann Cohens Plädoyer für
    Die Errichtung von Lehrstühlen fur Ethik und Religionsphilosophie
    an den jüdisch-theologischen Lehranstalten
    Susanne Möbuß
  • Probleme der Durchführung des studium generale
    Georg Picht
  • Pichts Idee eines „studium generale” und seine
    Kritik an der Universität der Nachkriegszeit
    Niklas Hoyme
  • Vom gegenwärtigen Zerfall der Snellman’schen
    Universitätsidee in Finnland
    Ewald Reuter
  • Nachruf: Prof. Dr. Lothar Graf zu Dohna (1924 – 2021)
    Wolfgang Christian Schneider

Buchbesprechungen

  • Christoph Hammann: Katharsis in Kaiserzeit und Spätantike.
    Vorstellungen von Reinigung in Medizin, platonischer Philosophie
    und christlicher Theologie des 2. bis 4. Iahrhunderts n. Chr.
    Göttingen 2020
    Harald Schwaetzer
  • Hans Gerhard Senger: Nikolaus von Kues. Leben – Lehre –
    Wirkungsgeschichte. Heidelberg 2017
    Kirstin Zeyer
  • Danz, Christian (Hg.): Schellings Gottheiten von Samothrake
    im Kontext. Göttingen 2021
    Harald Schwaetzer
  • ]akob Frohschammer: Ausgewählte Vorlesungshandschriften zur
    Philosophie- und Theologiegeschichte. Nachgelassene Schriften
    Band 3. Mit textkritischem Apparat sowie Namen- und Sachregister.
    Editorisch bearbeitet, eingeleitet und herausgegeben von Raimund
    Lachner. Tübingen 2020
    Harald Schwaetzer
  • Hermann Cohen: Briefe an August Stadler. Herausgegeben von
    Hartwig Wiedebach. Basel 2015
    Kirstin Zeyer

Vorschau auf das kommende Heft

Zu den Autoren

Vorwort

UNIVERSITÄT ZU DENKEN, ZU KONZIPIEREN

Das Bemühen um Bildung begleitet jede menschliche Gesellschaft. Für die höhere Bildung besaß Europa seit dem 11. ]h. einen besonderen Ort in den Universitäten. Notwendig ist es freilich immer, diesen Bildungsort mit den Gegebenheiten in der jeweils zeitgenössischen Gesellschaft in Einklang zu bringen: die hohen Schulen sind daher unumgänglich einer beständigen Reform unterworfen. Eine beispielhafte Rückschau darauf, die manche Anregung enthält, bietet der vorliegende Band der Coincidentia. Er bringt einige wichtige Originaltexte, gekoppelt mit situierenden Erläuterungen. Am Beginn steht ]ohann Gottfried Herder mit seinen Reformvorschlägen für die Universität ]ena 1797, erläutert von Tilman Borsche. Herder reiíšt gleichsam die Problematik von Hochschulbildung in der Spätaufklärung auf, spricht auch von Aspekten der akademischen Freiheit, und weist so den Weg auf, den dann Humboldt in der Breite öffnet. Darauf folgen zwei Impulse aus der Zeit um 1830/1840: zunächst ein – erstmals übersetzter – Text von dem finnischen Reformer ]ohan Vilhelm Snellman, in den Hans Peter Neureuter einführt. Er erklärt die für Snellman konstitutive Verbindung von nationaler Selbstfindung und einem Streben nach individueller sittlich bestimmter Selbstverantwortung des Einzelnen, das unbedingt eine freie Entfaltung will. Diese beiden Texte werden von einem gleichzeitigen Text aus Deutschland sekundiert: einem reformerisch-hochschuldidaktischen Entwurf von Karl Hermann Scheidler, den Kirstin Zeyer verortet und deutet. Scheidler lehrte an der Universität ]ena und stieíš dort – unter dem Stichwort der Hodegetik – Reformen im Hochschulunterricht an, bei denen er an Herder anschloss. Zusätzlich achtet er auf konkrete lebensnahe Hilfen für die Studierenden. Darauf folgt ein Autoren-Paar, das um 1900 Fragen der Reform und Neuorientierung im Hochschulbereich thematisiert: ]ohannes Maria Verweyen, der an der Universität Bonn lehrte, mit einem Text von 1910, in dem er eine auch gesellschaftspolitisch engagierte, den geistigen Erfordernissen seiner Zeit entsprechende Lehre im Bereich der Philosophie fordert, deren Bedeutung Wolfgang Christian Schneider darlegt. Neben ihn tritt ein Text von Hermann Cohen vom ]ahre 1904, den Susanne Möbuß erläutert; er stellt die Notwendigkeit einer eigenständigen akademischen Bildungseinrichtung für das Judentum heraus. Mit beiden Texten wird die Lage der Universität um 1900 in den Blick genommen, vor dem Ersten Weltkrieg, in einer Zeit, die durch verkrustete Tendenzen, aber auch durch reformerische Ansätze bestimmt ist. Die Lage nach den autoritären Eingriffen der nationalsozialistischen Machthaber, denen – oft allzu bereitwillig hingenommen – viele zum Opfer fielen (etwa auch J.M.Verweyen), vertritt ein Text von Georg Picht. In einem bislang unveröffentlichten Vortrag von 1950 verlangt er einen Neuansatz und wirbt für ein allgemein orientierendes „studium generale” an den Universitäten, was Niklas Hoyme im Einzelnen nachzeichnet. Der Rückgriff auf reformpädagogische Ansätze der Iahrhundertwende zielt einerseits darauf, die noch immer gegebenen obrigkeitlichen Strukturen und die durch die NS-Hörigkeit bewirkten Schädigungen zu beseitigen, will andererseits die Universität im Zuge einer Erneuerung der akademischen Freiheit zu einer ganzheitlich verantworteten freien Kreativität hinführen. Dies trug wesentlich zu der in den 1960er ]ahren einsetzenden Reform an den Hochschulen bei. Den Abschluß dieser Reihe exemplarischer Blicke auf die Universität bildet ein Bericht von Ewald Reuter über die gegenwärtige Lage der Universität in Finnland, der zugleich beispielhaft für die derzeitigen Gegebenheiten an den europäischen Hochschulen insgesamt stehen kann. In Finnland, wie im übrigen Europa, ist an die Stelle eines Bemühens um Bildung, die seit Herder und Humboldt immer wesentlich auch Selbstbildung meinte, weithin eine Ausbildungsbetriebsamkeit getreten, die sich an Bedürfnissen und Fertigungsvorgängen der Wirtschaft orientiert. Das persönliche Reifen ist in den Hintergrund gedrängt, die eigene Kreativität, das neue, erneuernde Fragen, wird durch einzwängende überdichte Studienordnungen erschwert, ja verhindert.

Zu den Originaltexten sei angemerkt, dass jeweils zwischen Schrägstrichen die Seitenangaben der Vorlage geboten werden. Die vielen Sperrungen wurden jedoch nicht übernommen

Wolfgang Christian Schneider

 

 


 

Band 11/2 – 2020

AnthropologieTitelseite der Coincidentia, Band 11 Heft 2, 2020; Anthropologie im Spätmittelalter im Spätidealismus

herausgegeben von Wolfgang Christian Schneider

 

Inhaltsverzeichnis

  • Vorwort
    Wolfgang Christian Schneider
  • „Das Tiefste muss gerade das Klarste sein“ –
    Philosophie und Sprache beim mittleren Schelling
    Johanna Hueck
  • Leben und Vernunft.
    Troxlers Biosophie im Lichte der Spätphilosophie Kants
    Martin Bunte
  • Ich, Seele und Natur.
    Das Entfaltungsdenken in ‚Psyche‘ von Carl Gustav Carus
    Wolfgang Christian Schneider
  • Phantasie des Geistes.
    Zu Jakob Frohschammers Anthropologie
    Harald Schwaetzer
  • Verleiblichte Fortdauer der Seele. Immanuel Hermann Fichtes
    idealrealistischer Begriff der Unsterblichkeit
    Cristián Hernández Maturana
  • Die Einheit von Ich und Ding an sich im reinen Denken.
    Paul Asmus’ Erkenntnistheorie im Kontext des frühen
    Neukantianismus
    Sophie Asam
  • Gideon Spicker: „Auf die Natur des Menschen zurück!“
    Geschichte und Entwicklung als zentrale Motive für eine
    philosophische Anthropologie
    Kirstin Zeyer
  • Nishida Kitaros philosophische Auseinandersetzung
    mit dem Neukantianismus
    Kazuhiko Yamaki
  • Nachruf: Prof. Dr. Ulrich Hoyer (1938 – 2020)
    Kirstin Zeyer

Buchbesprechungen

  • Ryan Scheerlinck: Gedanken über die Religion. Der ‚stille
    Krieg‘ zwischen Schelling und Schleiermacher (1799-1907).
    Stuttgart – Bad Canstatt 2020
    Harald Schwaetzer
  • Dirk Hartmann: Neues System der philosophischen
    Wissenschaften im Grundriss. Bd. 1-7; Bd. 1: Erkenntnistheorie;
    Bd. 2: Mathematik und Naturwissenschaft. Paderborn 2021
    Kirstin Zeyer
  • Anton Hügli (Hg.): Jaspers. Stationen seines philosophischen
    Weges. Schwabe: Basel 2021
    Fabian Warislohner
  • Chiara O. Tommasi / Luciana Gabriela Soares Santoprete /
    Helmut Seng (Hg.): Hierarchie und Ritual. Zur philosophischen
    Spiritualität in der Spätantike. Heidelberg 2018
    Wolfgang Christian Schneider
  • Jochen Krautz: Kunstpädagogik. Eine systematische
    Einführung. Leiden / Bosten 2020
    Harald Schwaetzer
  • Adela Sophia Sabban: Goethes Werke in der Bilddeutung von
    Wilhelm Kaulbach und seinen Schülern. Die „Gallerie zu
    Goethe’s sämmtlichen Werken“ (1840-41). Marburg 2019
    Harald Schwaetzer

Vorschau auf das kommende Heft

Zu den Autoren

Vorwort

ANTHROPOLOGIE IM SPÄTIDEALISMUS

Die Denker der Mitte und der zweiten Hälfte des 19. Jhs., die an einer Entfaltung und Spezifizierung der idealistischen Konzepte der Jahre um 1800 arbeiteten, werden derzeit wenig beachtet, auch wenn sie die Gedankenwelt zu ihrer Zeit maßgeblich prägten und Spuren legten, die noch in das 20. Jh. hineinwirkten. Viele philosophische Stellungnahmen des späten 19. Jhs. lassen sich nur verstehen, wenn sie auf diese spätidealistischen Positionen rückbezogen werden. Doch auch zu den Fragen des 21. Jhs. vermögen diese Denker bedeutsame Gedankengänge beizutragen. Dies hatte den Anlass gegeben, eine Tagung zur „Anthropologie im Spätidealismus“ zu planen, die unter Federführung von Luis Mariano de la Maza (Pontificia Universidad Católica de Chile) im März 2020 in Santiago de Chile stattfinden sollte. Die vom Wuhan-Virus ausgelöste Pandemie führte zu deren Absage, der vorliegende Band der Coincidentia legt die erarbeiteten Vorträge vor, die die inhaltliche Breite dieses „Spätidealismus“ veranschaulichen. Den Ausgangspunkt bietet ein Beitrag zu Schelling (J. Hueck), da dieser auf lange Zeit hin Impulsgeber wie Widerpart war. Darin ist nicht nur das Wechselverhältnis von Denken und Sprechen bei Schelling erläutert, sondern auch das Moment der zeitlichen Entwicklung angesprochen, das ein wesentliches Motiv spätidealistischen Denkens ist. Mit dem folgenden Beitrag zu Troxler (M. Bunte) wird zugleich Kant aufgerufen, der als weitere zentrale Instanz des späten idealistischen Denkens gelten muss. Über Kant hinaus wird das Prozessuale des Lebens selbst in den Blick genommen und ein dynamisches, organisierend verstandenes Prinzip an den Anfang gestellt. Eine hierin verschwisterte Spur verfolgt Carus (W. Ch. Schneider), der neben Kant von Schelling ausgeht, dies aber mit einem ‚genetischen‘ Denken verschränkt, für das er sich auf die Metamorphose-Lehre von Goethe beruft. So gelangt er zu Beschreibung der Entfaltung des seelischen Lebens, von einem basalen „Unbewussten“ zu einem nach und nach Bewussten, das sich freilich in ein Umfassendes eingebettet weiß. Auch Frohschammer (H. Schwaetzer) setzt am Geistigen an, für ihn ist entscheidend die Phantasie, die Vernunft und Bildekraft zusammenführt, und der objektiven Entwicklung (als ‚objektive Phantasie‘) zugrunde liegt, aber auch die subjektive Vorstellungstätigkeit trägt, deren abstrahiertes und sublimiertes Ergebnis das abstrakte Denken ist. Die hohe Wertung des Seelischen führt dann I. H. Fichte (C. Hernández Maturana) zu der Frage nach der Wirklichkeitsform der Seele nach dem Tod. Er sieht eine Fortdauer der Organisationskraft und möchte daraus auf einen weiter bestehenden „pneumatischen Organismus“ schließen. Eine andere Denklinie zieht der wenig bekannte, früh verstorbene Paul Asmus aus (S. Asam). Von Kant und Hegel ausgehend leitet er über zur erkenntnistheoretischen Debatte im entstehenden Neukantianismus. Indem das Ich die lebendigen Begriffe und die ihnen immanenten Gesetzmäßigkeiten ‚nachdenkt‘, hat es zur Einheit mit dem Ding an sich gefunden. Die scheinbar unvereinbaren Momente werden so als Momente einer höheren – beide Momente in sich bergenden – Einheit erkennbar. Eine solche hohe Auffassung des Ich verbunden mit dem Geschichtlichen und den Entwicklungslehren Darwins führt Gideon Spicker (K. Zeyer) zu einer philosophischen Anthropologie, die in der Folge – im Ringen mit materialistischen und neukantianischen Ansätzen – wesentlich teleologische Momente aufnimmt. Einen Seitenstrang spätidealistischen Denkens vergegenwärtigt der Beitrag zu Nishida (K. Yamaki), der über einen seiner Lehrer in Tokio Ludwig Busse, einem Schüler von Rudolf Hermann Lotze, eine Beziehung zum Spätidealismus hatte, was durch Raphael von Koeber ein Gegengewicht erhalten hatte. Zusätzlich befasste sich Nishida mit dem Neukantianer Heinrich Rickert und fand so, unter Rückbezug auf die japanische Gedankenwelt, zu einem eigenständigen, wesentlich von der Erfahrung der ‚wahren Wirklichkeit‘ bestimmten existentiellen Ich-Begriff, gegenüber dem die stofflich-materielle Welt sich als etwas Gedachtes darstellt, der sich letztlich aber als in sich widersprüchlich erweist. Trotz vielfältiger Ausgestaltungen haben diese „spätidealistischen“ Gedanken doch eines gemein: das Ringen um ein sich entwickelndes Ich, das sich als geschichtlich bedingt und (selbst)produktiv versteht.

Wolfgang Christian Schneider

 

 


 

Band 11/1 – 2020

Sozialer Friede

herausgegeben von Wolfgang Christian Schneider

Inhaltsverzeichnis

  • Vorwort
    Wolfgang Christian Schneider
  • Sozialer Friede – Cusanische Perspektiven.
    Aufriss für die 7. Kueser Gespräche
    Harald Schwaetzer
  • Die Bedeutung des Laien für den sozialen Frieden
    Kazuhiko Yamaki
  • Personaler und Sozialer Friede. Kulturgeschichtliche Blicke
    auf Friede und Unfriede und die Identität des Einzelnen
    Wolfgang Christian Schneider
  • Wege zum sozialen Frieden in friedlosen Zeiten.
    Michel de Montaigne, Essais III 13
    Tilman Borsche
  • Eine sanfte Brise. Sufismus im Sudan – der Ruf des Meisters
    Inigo Bocken
  • „Sie tragen die Geister auf offener Handfläche“. Friede
    („heping“) im frühest erhaltenen Laozi-Kommentar
    Chinas, Zhuang Zuns 莊遵 Laozi zhigui 老子指歸
    Hermann-Josef Röllicke
  • Karl Jaspers und Heinrich Barth als Zeitgeist-Diagnostiker –
    Soziale Unzufriedenheit als Anreiz für die Entstehung ihrer
    Existenzphilosophie
    Coban Menkveld
  • Paul Jostock: Soziallehre und Sozialreform als
    Grundlagen des sozialen Friedens
    Kirstin Zeyer
  • Die Krise des Liberalismus und der Niedergang
    der Sozialdemokratie
    Donald Loose
  • Zahl und sozialer Friede – Ein Versuch
    Gregor Nickel
  • Bedingtheit, menschliche Existenz und Bildung im Digitalen
    Fabian Warislohner
  • Der Mensch als Ziffer? Pädagogik vor der Digitalisierung
    Matthias Fechner

Buchbesprechungen

  • Donata Romizi: Dem wissenschaftlichen Determinismus auf
    der Spur. Von der klassischen Mechanik zur Quantenphysik.
    Freiburg / München 2019
    Harald Schwaetzer
  • Alfred Dunshirn: Aristoteles: Wegbereiter der Metaphysik.
    Reihe: Philosophie für unterwegs, Bd. 4. Halle a.d. Saale 2020
    Nicole C. Karafyllis
  • David Bartosch: „Wissendes Nichtwissen“ oder „Gutes Wissen“?
    Zum philosophischen Denken von Nicolaus Cusanus
    und Wang Yángmíng. Paderborn 2015
    Kirstin Zeyer
  • Brendan Theunissen: Hegels Phänomenologie als metaphilo-
    sophische Theorie. Hegel und das Problem der Vielfalt der
    philosophischen Theorien. Eine Studie zur systemexternen
    Rechtfertigungsfunktion der Phänomenologie des Geistes.
    Hegel-Studien, Beiheft 61. Hamburg 2014
    Michael Lewin
  • Christopher Arnold: Schellings frühe Paulus-Deutung. Die
    Entwicklung von F.W.J. Schellings Schriftinterpretation und
    Christentumstheorie im Zusammenhang der Tübinger
    Theologie seiner Studienzeit und der hermeneutischen
    Theoriebildung seit der Frühaufklärung.
    Schellingina 29. Stuttgart 2019
    Harald Schwaetzer
  • Friedrich Wilhelm Joseph Schelling: Werke 12: Schriften
    1802-1803. Hg. v. Paul Ziche / Vicki Müller-Lüneschloß.
    In zwei Teilbänden. Stuttgart 2019
    Harald Schwaetzer

Vorschau auf das kommende Heft

Zu den Autoren

Vorwort

SOZIALER FRIEDE

Die Vorstellung von Frieden wird meist vom Krieg her gedacht, als Abwesenheit von Krieg. Wie wenig das den Kern trifft, wird deutlich, sobald das Moment des (äußeren) Krieges zurücktritt. Dann ist zu spüren, dass der Friede im Inneren, die Art, wie die Menschen im Sinne eines ‚wir‘ zueinander stehen, das Entscheidende ist – zu spüren gerade in Zeiten erzwungener Abstandnahme zum Schutz des jeweils Anderen. So ist der „Soziale Friede“ das Thema der 7. Kueser Gespräche, für die der vorliegende Band Anstöße geben will. Einleitend erläutert H. Schwaetzer den Sozialen Frieden aus der Perspektive des großen Philosophen aus Kues. Friede, so bestimmt er den Zielraum, muss geübt werden, dabei ist Selbsterkenntnis verbunden mit Zuwendung und Wohlwollen, dem wachen und geduldigen Blick auf den Anderen als Teil eines zu wahrenden Ganzen das Wesentliche. K. Yamaki stellt im folgenden Beitrag heraus, dass für das Gelingen eines sozialen Friedens gerade dem Laien, also dem unbefangenen Blick aus dem allgemeinen Leben, große Bedeutung für angemessene Entscheidungen über unsere Fragen zukommt. Unter Hinweis auf frühe Dichtungen legt dann W. Ch. Schneider dar, welche Bedeutung die Verletzung des Personalen hat, das mit dem Sozialen innig verschränkt ist. Es ist die Ent-Ehrung, die Friedlosigkeit auslöst, auch den Kampf, um Frieden wieder zu gewinnen. T. Borsche erörtert die Möglichkeiten des Friedens anhand der Werke von Hobbes und Montaigne; während der erstgenannte soziale Ordnung und Friede ganz von der Herrschergewalt ableitet, sieht letzterer das der Gerechtigkeit verpflichtete erübte Tun des Einzelnen, je nach Maßgabe des Angemessenen, als bestimmend an. I. Bocken liefert dafür gleichsam einen Beleg in seinem Bericht über einen Besuch bei einem Sufi-Meister, der vermittelt, wie der Friede vom Innen her ausstrahlt. Wie bedeutsam der innere Friede im chinesischen Denken ist und wie sehr er mit dem äußeren verschränkt ist, erläutert H.-J. Röllicke anhand des frühesten Laozi-Kommentars. Das Sein des Herrschers gilt als unmittelbar wirksam, selbst ein friedvolles Handelnwollen bedeutete schon eine Störung der in sich bestehenden Friedensordnung. Die nachfolgenden Beiträge richten den Blick in die Moderne. C. Menkveld erörtert die Stellungnahmen von Jaspers und H. Barth zu sozialem Frieden und sozialer Unzufriedenheit. Für Jaspers steht das Dialogische im Mittelpunkt, wodurch er letztlich weniger vom Frieden als vielmehr vom Konflikt her denkt, in dessen kommunikativem Ausgleich Friede wie Wahrheit möglich wird. Barth geht von konkurrierenden Interessen aus, die durch Zugeständnisse und Kompromisse – nach der Maßgabe des Guten – einem ‚Gesamtinteresse‘ zuzuführen sind. Dem entspricht, wie K. Zeyer zeigt, weitgehend die Soziallehrenkonzeption P. Jostocks, der durch soziale Reformen Frieden ermöglichen will. D. Loose bestätigt dies von der Gegenseite her mit seiner kritischen Prüfung des konkreten Handelns von Liberalismus und Sozialdemokratie in der Neuzeit. Daran schließen sich zwei Beiträge an, die die wissenschaftlichen Grundlagen der Datenerfassung mit dem Ziel der Herstellung eines friedlichen Sozialraums veranschaulichen; G. Nickel erläutert die mathematischen Mittel, F. Wahrislohner die computertechnischen Probleme, denen unsere Gesellschaft gegenübersteht – beide zeigen sich hinsichtlich der Auswirkungen auf den Menschen und den sozialen Frieden, zumal hinsichtlich der Wahrung des Menschlichen, durchaus skeptisch. Der letzte Beitrag von M. Fechner zeichnet den Konflikt zwischen ‚mechanischer‘ und ‚organischer‘ Pädagogik in der Neuzeit nach, der auch die derzeit für das Schulwesen gepriesene Digitalisierung mit ihren mechanistischen Implikationen in Frage stellt. Die gewünschte in sich ruhende Persönlichkeit ist nur mit einem hinlänglichen Eingehen auf den Einzelnen zu erlangen, was am Ökonomischen ausgerichtete ‚mechanistische‘ Mittel ausschließt. Das bedeutet, dass die digitalen Instrumente in pädagogischen Zusammenhängen nur soweit zu nutzen sind, wie dabei das für einen sozialen Frieden unabdingbar Menschlich-Kreative, das Entscheidende bleibt. All diese Beiträge verstehen sich als Anstöße, den sozialen Frieden als leitend im Alltag zu denken und zu vollziehen.

Wolfgang Christian Schneider