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Band 2/2 – 2011

Entfaltungen der Welt

herausgegeben von Wolfgang Ch. Schneider
und Kirstin Zeyer

 

Inhaltsverzeichnis

  • Vorwort
    Wolfgang Christian Schneider
  • Dynamische Wirklichkeit.
    Bewegung als Grundbegriff aristotelischer Metaphysik
    Alexander Aichele
  • Aufführung der Gottesschau.
    Performativität als Vermittlungsstrategie in Cusanus‘ De visione Dei
    Susann Kabisch
  • „dass sie das Vaterunser und den Glauben nicht recht sprächen“.
    Die Cusanus-Lehrtafel der Lambertikirche in Hildesheim
    Johannes Köhler / Wolfgang Christian Schneider
  • Nikolaus von Kues als Kopernikaner:
    Sein Beitrag zur Astronomie nach Auffassung der Renaissance
    Pietro Daniel Omodeo
  • Die Mathematik als Kränkung des Menschen.
    Anmerkungen zu einem Topos der Moderne
    Tom Müller
  • Das Älteste Systemprogramm des Deutschen Idealismus
    und die Kantische praktische Philosophie als sein Wegbereiter
    Klaus Honrath
  • Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus
    und Hegels „Differenzschrift“
    Claus-Artur Scheier
  • Schellings Philosophie der Kunst
    als Realisierung des „ältesten Systemprogramms“?
    Alois Wieshuber
  • „Doch was ist Theilnahme?“.
    Zu einer Grundfrage bei Heidegger, Hölderlin und Hellingrath
    Bruno Pieger
  • Walter Benjamin
    oder die Wiederentdeckung des Menschen durch die Geschichte
    Jürgen Nielsen-Sikora

Buchbesprechungen

  • Rudolf Fahrner: Gesammelte Werke Bd. 1 (Dichtung und Deutung)
    und Bd. 2 (Erinnerungen und Dokumente); herausgegeben von
    Stefano Bianca und Bruno Pieger. Köln / Weimar / Wien 2008
    Michael Stahl, Berlin
  • Farben in Kunst- und Geisteswissenschaften; herausgegeben von
    Jacob Steinbrenner, Christoph Wagner und Oliver Jehle, Regensburg 2011
    Elena Filippi, Alfter

Vorschau auf das kommende Heft

Zu den Autoren

 

Vorwort

Entfaltungen der Welt

Das vorliegende Heft der Coincidentia bietet eine offene Sammlung von Beiträgen, die sich gleichwohl, auf je verschiedene Weise, unter dem Titel „Entfaltungen der Welt“ fassen lassen.

Den Auftakt bildet ein Beitrag zur Auffassung der Bewegung bei Aristoteles von Alexander Aichele. Der Begriff der Bewegung wird darin als Eigenschaft des Bewegbaren in seiner Verwirklichung, gleichsam seiner Entfaltung betrachtet. Bewegtheit vollzieht sich daher, wenn sie nicht selbst anfangs- und endloses Kontinuum ist, in einem Zwischen und ist jeder möglichen Bestimmung vorausgesetzt.

Danach folgt eine Reihe von drei Beiträgen zu Nikolaus von Kues, der Leitfigur der Kueser Akademie. In dem ersten von ihnen arbeitet Susann Kabisch die performativen Elemente in „De visione Dei“ heraus, die einerseits dem Text im Hinblick auf einen geistigen Nachvollzug eingeformt, andererseits dem Leser oder Hörer im Sinne eines Nachvollzug des Mitgeteilten aufgegeben sind. Der nachfolgende Text von Johannes Köhler und Wolfgang Christian Schneider über die Lehrtafel, die auf Geheiss des Nikolaus von Kues in der Lamberti-Kirche in Hildesheim aufgehängt wurde, führt das in gewissem Sinn fort: Sie fassen die Lehrtafel des Cusanus nicht einfach als Belehrung über unzureichend bekannte Gebete auf, sondern deuten sie als Text-Icona, deren Gehalt der Leser in sich abzubilden, in seiner spirituellen Praxis nachzuvollziehen hat. Ergänzt werden diese beiden Texte durch den Beitrag von Pietro Omodeo, der die cusanische Kosmologie im Hinblick auf ihre Rezeption in der renaissancezeitlichen Diskussion über das kopernikanische Weltsystem erörtert und fragt, weswegen Cusanus trotz weitgehend fehlender Übereinstimmung mit der kopernikanischen Lehre doch als deren Vorläufer in Anspruch genommen wird. Den Aufbruch in die Neuzeit mit dem Wirken des Kopernikus thematisiert auch Tom Müller, wenn er die Rede von der „Enttäuschung“ des Menschen durch die Mathematik thematisiert, die auf den Einbruch einer neuen Rationalität zurückgeht und der Erde, dem Ort des Menschen, einen veränderten, als „abgeschwächt“ empfundenen Ort in der Welt „zumutet“, obwohl doch deren nun konstatierte Kreisbewegung in der Sicht des Aristoteles edler als der vorherige Stillstand wäre. Daran schliesst sich eine Folge von Texten an, die aus einer Tagung über den philosophischen Kontext des „Ältesten Systemprogramms des Deutschen Idealismus“ hervorgingen, die im November 2010 an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter stattfand – ein zweiter Teil der damaligen Vorträge, insbesondere zur philosophischen Stellung Hölderlins, wird in Coincidentia 1/2012 erschienen. Gleichsam einleitend beschreibt Klaus Honrath die konstruktive Auseinandersetzung Schellings mit Kant; der Umriss des „Ältesten Systemprogramm“ erscheint darin als eine Verdeutlichung des schon von Kant ins Auge gefassten Zusammenhanges einer ursprünglich sittlichen Welt, die sich im Bewusstsein freier Subjektivität, wie sie sich der Mensch zuschreibt, in ihrer freien Selbstzweckhaftigkeit immer weiter erschließt. Es folgt ein Beitrag von Claus-Artur Scheier, der die Philosophie Schellings gegen die Gedankenwelt Hegels, zumal in der Differenzschrift, absetzt und das Älteste Systemprogramm entschieden in den geistigen Raum Schellings stellt. Alois Wieshuber erörtert darauf in seinem Beitrag Schellings Kunstphilosophie als Umsetzung und Entfaltung des im „Ältesten Systemprogramm“ Angelegten.

Danach beleuchtet Bruno Pieger die Hölderlin-Rezeption Heideggers, wie sie sich in dessen Briefen an die Verlobte des Stefan George verbundenen, früh gefallenen Hölderlin-Herausgebers Norbert von Hellingrath niederschlug: Hörbar wird ein Gespräch, das in der Auseinandersetzung mit den Dichtern und dem dichterisch denkenden Herausgeber den Weg des Philosophen zum dichterischen Wort spiegelt bis hin zu der späten Frage: „Doch was ist Theilnahme?“. Der letzte Beitrag des Heftes ist Walter Benjamin gewidmet. Jürgen Nielsen-Sikora beschreibt die geforderte neue Beachtung des Menschen als Subjekt der Geschichte. Mit einem „Tigersprung ins Vergangene“ müht sich der Verfasser des Passagenwerkes, auf die Suche nach dem zu gehen, was als Funke vergraben der Geschichte immanent ist: auch dies eine „Entfaltung der Welt“.

Wolfgang Christian Schneider

 


Band 2/1 – 2011

Weisheit – Brücke der Kulturen

herausgegeben von Harald Schwaetzer und Henrieke Stahl

 

Inhaltsverzeichnis

  • Vorwort
    Harald Schwaetzer, Henrieke Stahl
  • Menschengemäße Weisheit
    William J. Hoye
  • Herabkunft und Tanz, Irren und Heimkehr der Sophia.
    Die Sophia-Spekulation in Antike und Spätantike
    Wolfgang Christian Schneider
  • Enzyklopädie der Weisheit und Weisheit der Enzyklopädie:
    Wissenschaft und Weisheit bei Carolus Bovillus (ca. 1470-1560)
    Inigo Bocken
  • Der Zusammenprall frühneuzeitlicher Weisheitssysteme
    in Wort und Bild: Die Augsburger Ausgabe von Petrarcas
    Glücksbuch (De remediis utriusque fortune)
    Karl Enenkel
  • Weisheit zwischen Bild und Wort im Fall Rembrandts
    Elena Filippi
  • Weisheit – massenhaft und wohlfeil? Das Weisheitsverständnis
    nach dem Medienwandel des 15. Jahrhunderts, untersucht bei
    Erasmus von Rotterdam
    Stephanie Hartmann
  • Personifikationen der Weisheit in der russischen Literatur
    Jörg Schulte
  • Die Sprache der Weisheit bei Lev Tolstoj
    Holger Kuße
  • Weisheit im Hinduismus
    Konrad Meisig
  • Das Unsagbare sagen. Daoistische Versuche,
    über das Dao zu sprechen
    Karl-Heinz Pohl
  • Das Unsagbare leben. Weisheit als Praxis im Zen
    Stanca Scholz-Cionca
  • „Östliche Weisheit“ versus „Westliche Wissenschaft“
    im Korea des 18. und 19. Jh.
    Marion Eggert

Buchbesprechungen

  • Heideggers Schelling-Seminar (1927/28); herausgegeben von
    Lore Hühn und Jörg Jantzen, Stuttgart-Bad Canstatt 2010
    Harald Schwaetzer, Alfter
  • Paul Richard Blum, Philosophy of Religion in the Renaissance,
    Burlington 2010
    Harald Schwaetzer, Alfter
  • Die Chaldeischen Orakel. Kontext – Interpretation – Rezeption;
    herausgegeben von Helmut Seng und Michel Tardieu,
    Heidelberg 2010
    Harald Schwaetzer, Alfter

Vorschau auf das kommende Heft

Zu den Autoren

 

Vorwort

Weisheit – Brücke der Kulturen

Der 1996 von Samuel Huntington beschworene „Kampf der Kulturen“ ist noch immer aktueller Gegenstand wissenschaftlicher Auseinandersetzungen: Im März 2001 wurde an der Waseda Universität Tokyo ein internationales Kolloquium mit der Unterstützung von JSPS zur Themenstellung „Thoughts to overcome the ‚Clash of Civilizations'“ veranstaltet, an dem japanische und westeuropäische Wissenschaftler teilnahmen, darunter die Verfasser dieses Vorwortes. Darf aus der Tatsache kulturell bedingter Konflikte die Theorie abgeleitet werden, dass Kultur selbst, wesentlich getragen durch den Identifikationsfaktor Religion, das Potential für Antagonismen bereitstellt, wie die prominente These Huntingtons lautet? Enthält Kultur nicht vielmehr selbst auch Mittel gleichermaßen zu Konfliktvermeidung wie zu Entwicklung förderndem Dialog?

Diesen Fragen, die auf der Tagung verhandelt wurden, war im Sommersemester 2008 bereits eine Ringvorlesung an der Universität Trier gewidmet, welche die Slavistik in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Europäische Studien und dem Institut für Cusanus-Forschung durchgeführt hat. Mit dem Titel Weisheit in Europa und Asien – eine Brücke der Kulturen? hinterfragte sie die These zum Kampf der Kulturen kritisch. Mit der Themenformulierung wurde zugleich auch ein Hinweis auf einen Ansatzpunkt für eine andere Sichtweise angedeutet: die Weisheitskonzeptionen der Weltkulturen. Denn die Weisheitslehren bergen Keime für spirituelle Toleranz und Dialog und zeigen weltweit überraschende Gemeinsamkeiten, die Brückenschläge ermöglichen können.

In diese Richtung deutet indirekt die Tatsache, dass gerade die Weisheitslehren einschließlich ihrer mystischen Praxis immer dann innerhalb von Religionen selbst verdrängt oder unterdrückt und sogar verfolgt werden, wenn die Religionen ihre Ausschließlichkeit, gepaart mit entsprechenden Machtansprüchen, profilieren möchten. Der „Kulturkampf“ wurde bezeichnenderweise in der westlichen Welt zum Thema und zugleich im Herzen Europas mit den Balkankriegen des zerfallenden Jugoslawiens auch zur Realität. Die Ursprünge des westlichen Weltverständnisses aber liegen in der Neuzeit, welche bezeichnenderweise die Wahl zwischen den Paradigmen Weisheitslehre oder Wissenschaft einseitig zugunsten der letzteren entschieden hat. Dabei geriet die gemeinsame Wurzel aus dem Blick, die in allen Kulturen gleichermaßen das Menschsein konstituiert: ein Begriff des Geistes, der – wenn auch auf je andere Weise – das Individuum übersteigt und in einem überrationalen oder sogar transzendenten Grund verankert ist. Eben diesem „Urgrund“ als Quelle des Menschseins selbst sind aber die Weisheitslehren zugewandt.

Die Vorlesungsreihe richtete den Blick sowohl nach Asien als auch nach Europa. Asien gilt als Heimat der großen Weisheitslehren (Hinduismus, Buddhismus u. a. m.). Doch auch Westeuropa hat eine reiche Weisheitstradition, die allerdings eher ein verborgenes, anfangs von der Kirche und später von der Wissenschaft abgedrängtes Dasein gefristet und im Unterschied zu den asiatischen Lehren kaum gesellschaftliche Bedeutung gewonnen hat. Gerade die eigene europäische Tradition, die nach einem Worte Hölderlins genauso gelernt sein will wie die fremde, arbeitet in ihren spirituellen und mystischen Strömungen auch daran, Weisheit und Wissenschaft zu verbinden. Schon in Vorfeld und Beginn der frühen Neuzeit wird an Denkern wie Meister Eckhart und Nikolaus von Kues diese Richtung deutlich. Eine Blüte erfährt die Ausbildung einer Weisheitswissenschaft im deutschen Idealismus und der Romantik. Danach freilich werden solche Bestrebungen wieder von den sich etablierenden Naturwissenschaften und der politisch-gesellschaftlichen Situation des „Kulturkampfes“ verdrängt. Erst mit der Gründung der Theosophischen Gesellschaft und später der Anthroposophischen Gesellschaft, die im Laufe des 20. Jahrhunderts ein breites Feld weltweit gesellschaftlich wirksamer Initiativen hervorgebracht hat, werden neue Anstöße gegeben, die eine breitere Resonanz erfahren.

Die Mitte zwischen Asien und der westlichen Welt weist sich Russland in seiner kulturellen Selbstbestimmung zu. Im ausgehenden 19. Jahrhundert hat Russland eine reiche Blüte an Weisheitslehren (die sog. „Sophiologie“) entfaltet, welche für eine Transformation der byzantinischen Mystik gleichermaßen asiatische wie westeuropäische Weisheitslehren fruchtbar werden ließen.

Das vorliegende Heft der Coincidentia bietet eine Auswahl von Beiträgen der Vorlesungsreihe. Das Heft wurde zusätzlich angereichert durch Aufsätze von weiteren Kolleginnen und Kollegen. Das Themenheft versammelt nun Studien zur Weisheitsthematik in Asien und Europa einschließlich Osteuropas aus verschiedenen geisteswissenschaftlichen Fächerperspektiven, darunter insbesondere der entsprechenden Philologien (Altphilologie, Indologie, Japanologie, Sinologie, Slavistik u. a.), aber auch der Theologie sowie Philosophie.

Der Dank für die Erarbeitung dieser Nummer der Coincidentia geht an Wolfgang Christian Schneider und Kirstin Zeyer, aber auch an Marina Jordanowa-Etteldorf sowie Sonja Cornelsen. Herzlich gedankt sei allen, die sich mit einem Beitrag an der Ringvorlesung bzw. dem Themenheft beteiligt haben, für gute und geduldige Kooperation.

Harald Schwaetzer, Henrieke Stahl
Fronleichnam 2011

 


Band 1/2 – 2010

Cusanus und das Unendliche

herausgegeben von Kirstin Zeyer und Wolfgang Christian Schneider

 

Inhaltsverzeichnis

  • Vorwort
    Wolfgang Christian Schneider
  • Die coincidentia oppositorum als Unendlichkeit des Menschen.
    Nicolaus von Kues und Giacomo Leopardi
    Wolfgang Christian Schneider
  • Der Verstand und die Sehsucht nach dem Unendlichen.
    Mutmaßung und Vision bei Nikolaus vom Kues
    Gianluca Cuozzo
  • Die paradoxale Frage der Drei Weisen.
    Die Idee des unum infinitum im Sermo CCXVI des Nikolaus von Kues
    Cesare Catà
  • Der Mensch und seine Wissenschaft:
    Zur Bedeutung der Naturwissenschaft im Werk des Nikolaus von Kues
    Kirstin Zeyer
  • Die Unendlichkeit im Endlichen.
    Momente des Austausches zwischen Cusanus und der Kunst: proportio, speculum, visio.
    Elena Filippi
  • “ … et iterum signavi coniecturas“
    Die unvollendbaren Jagdzüge des Nikolaus von Kues zwischen Weisheit und Wissen
    Matthias Vollet
  • „Quasi in speculo et in aenigmate“:
    Die figura paradigmatica im Ersten Traum der Sor Juana Inés de la Cruz
    Linda Báez-Rubí

Buchbesprechungen

  • Kann das Denken malen?; Philosophie und Malerei in der Renaissance;
    herausgegeben von Tilman Borsche und Inigo Bocken, München 2010
    Harald Schwaetzer, Alfter
  • Il soggetto e la sua identità. Mente e norma, Medioevo e Modernità;
    a cura di Luca Parisoli con la collaborazione di Vincenzo M. Corseri, Palermo 2010
    Klaus Reinhardt, Trier
  • Heinrich Barth, Philosophie der Praktischen Vernunft;
    herausgegeben und eingeleitet von Armin Wildermuth, Basel 2010
    Kirstin Zeyer, Münster / Bernkastel-Kues
  • Geburt. Felderkundungen – Laienspiritualität;
    herausgegeben von Inigo Bocken und Ulrich Dickmann, Nijmegen 2010
    Johannes B. Köhler, Hildesheim
  • Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, Historisch-kritische Ausgabe im Auftrage der Bayerischen Akademie der Wissenschaften herausgegeben von Th. Buchheim u. a.
    Briefe 2: Briefwechsel 1800 – 1802 in zwei Teilbänden herausgegeben von Thomas Kisser
    unter Mitwirkung von W. Schieche und A. Wieshuber, Stuttgart 2010
    Harald Schwaetzer, Alfter
  • Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, Historisch-kritische Ausgabe im Auftrage der Bayerischen Akademie der Wissenschaften herausg. von Th. Buchheim u. a. Werke 10: Schriften 1801.
    „Darstellung meines Systems der Philosophie“ und andere Texte; herausgegeben von
    Manfred Durner, Stuttgart 2010
    Harald Schwaetzer, Alfter

Vorschau auf das kommende Heft

Zu den Autoren

 

Vorwort

Cusanus und das Unendliche

Nachdem das erste Heft von Coincidentia dem Aufeinandertreffen von Kulturen und Religionen gewidmet war, der Suche nach den Möglichkeiten einer positiven Begegnung mit „Fremdem“ und der Bestimmung von Parametern für einen konstruktiven Austausch, befasst sich das zweite Heft mit der Gedankenwelt des Nikolaus von Kues.

Unter verschiedenen Aspekten behandeln die Beiträge das Thema „Cusanus und das Unendliche“. Den Kern bilden Vorträge der Tagung „Essere Infinito – L’umanità e l’infinità nel pensiero di Nicola Cusano – Der Mensch und die Unendlichkeit im Denken des Nicolaus Cusanus“, die vom 8. bis 9. November 2008 in Ascoli Piceno (Marken) stattfand, getragen einerseits vom Istituto Superiore di Studi Medievali „Cecco d’Ascoli“, andererseits vom Trierer Institut für Cusanus-Forschung. Mit dieser Tagung wurde das 50jährige Bestehen der Städtefreundschaft zwischen Ascoli Piceno und Trier gefeiert, denn beide Städte besitzen eine Bedeutung für die Philosophiegeschichte des Mittelalters. Ascoli Piceno ist die Heimatstadt des freidenkerischen Philosophen und Kosmologen Francesco Stabili, bekannt als Cecco d’Ascoli (Ascoli 1257 – Florenz 1327); Trier ist die heimatnahe erste Dienststätte des Kirchenrechtlers, Theologen und Philosophen Nikolaus Cryfftz (Kues 1401 – Todi 1464), der von hier aus – über das Konzil von Basel, die Verhandlungen über eine Vereinigung mit der Ostkirche in Konstantinopel und Diplomatendienste in Deutschland – seinen Weg bis zum Kardinalat in Rom ging, doch immer der Heimat an der Mosel verbunden blieb.

Am Beginn steht ein Beitrag, der die parallele Thematik des „Unendlichen“ zum Ausgangspunkt wählt, um das Unendlichkeitsdenken des Nikolaus von Kues und das Giacomo Leopardis ins Gespräch zu bringen. In Bezug auf das Bild des Dichters, dem eine nahe Hecke nicht wirklich den Blick verstellt, sondern ihn vielmehr für die äusserste Ferne öffnet, stellt Wolfgang Christian Schneider (Hildesheim) heraus, dass das Verhältnis von Nähe und Ferne, Mikro- und Makrokosmos bei Cusanus wesentlich durch eine innere Spannung beherrscht wird, deren Bezugspunkt das Unendliche ist – ganz so, wie es der Dichter aus den Marken in seinem Gedicht „L’infinito“ darstellt. Mit dem Unendlichkeitsdenken ergibt sich eine Vertiefung des Menschenbildes und eine Aufwertung des Menschen, die auch für die Deutung von „L’infinito“ bedeutsam ist: eine nicht-pessimistische Seite von Gedicht und Dichter aufweist. Der Beitrag von Gianluca Cuozzo (Turin) entfaltet dann die geistige Dimension des Unendlichkeitsdenkens der ratio und macht zugleich – mit einem Blick auf Dürer – auf die darin als Unterton liegende Sehnsucht und Melancholie aufmerksam. Gleichsam als Pendant hierzu beleuchtet Kirstin Zeyer (Münster / Bernkastel-Kues) in ihrem auf die Bedeutung der Naturwissenschaft konzentrierten Beitrag Cusanus‘ Studium in Padua, das sich als grundlegend erweist für den Erwerb jener astronomischen und perspektivischen Kenntnisse, die seinem Unendlichkeitsbegriff zugrunde liegen. Aus kunsthistorisch-philosophischer Perspektive geht Elena Filippi (München / Alfter) Momenten des Austausches zwischen Cusanus und der Kunst nach und erläutert das cusanische Gedankengut am Beispiel der Suche nach dem ‚lebendigen Maß‘ im Werk Albrecht Dürers.

Ergänzt werden diese Beiträge der Tagung in Ascoli durch zwei weitere Arbeiten, die das Unendliche im Hinblick auf die Möglichkeit und Bestimmung des Erkennens behandeln. Matthias Vollet (Mainz / Bernkastel-Kues) verfolgt das Unendliche in der – für Cusanus – der menschlichen ratio aufgegebenen konjekturalen Jagd nach Weisheit, die freilich nie zu einem Ende kommen kann, aber eben in dieser Endlosigkeit das Menschliche ausmacht. Die Wirkmächtigkeit dieser Auffassung führt dann Linda Báez-Rubí (Mexiko) vor Augen, welche die Ausdeutung der cusanischen figura paradigmatica in der gedankentiefen Dichtung des „Ersten Traums“ (1690) der Sor Juana Inés de la Cruz erläutert und den Weg ihrer Rezeption über Athanasius Kircher beschreibt. Anders als die handschriftliche Überlieferung (etwa in Cod. Cusanus 218, fol. 58 recto) sieht Sor Juana die figura vertikal angeordnet, als ein wissenschaftlichen Untersuchungsgeräten vergleichbares bildliches Instrument des glaubenden Erkenntnisbemühens der Seele auf ihrem Weg zum Göttlichen.

Wolfgang Christian Schneider

 


Band 1/1 – 2010

Interkulturalität, Interreligiosität und Toleranz

herausgegeben von Wolfgang Christian Schneider

 

Inhaltsverzeichnis

  • Coincidentia – eine neue Zeitschrift, ein neuer Blick
    Wolfgang Christian Schneider
  • Grußwort der Kueser Akademie für Europäische Geistesgeschichte
    Alexander Licht, Henrieke Stahl

Thesen

  • Ineinsfall der Begegnung
    Harald Schwaetzer

Perspektiven

  • Globalisierung, interkultureller Austausch und historische Kompetenz
    Wolfgang Christian Schneider
  • ‚Das Eigene will so gut gelernt sein wie das Fremde‘:
    Kultur(en) verstehen heißt differenzieren lernen
    Johann Kreuzer
  • Im Angesicht des Anderen. – Einige Gedanken zum Begriff des Dialogs
    Martin Thomé
  • Zum Toleranzbegriff bei Nikolaus von Kues
    Harald Schwaetzer
  • Täter und Opfer – eine philosophiegeschichtliche Hypothese
    Claus-Artur Scheier

Ecksteine

  • Europa – Der antagonistische Pluralismus der Differenzen.
    – Ein vorausschauender Rückblick
    Walther Ch. Zimmerli
  • Internationale Politik und Religion
    Wolfgang Schürer und Andreas Böhm
  • Trialogisch denken lernen.
    – Zum Miteinander von Juden, Christen und Muslimen in Europa
    Karl-Josef Kuschel
  • Die prekäre Begegnung mit dem Anderen
    – zur Abgründigkeit des Toleranzbegriffes
    Elmar Salmann
  • Religiöse Toleranz im Rechtsstaat
    Winfried Hassemer
  • Über den Anfang interkulturellen Philosophierens
    Silja Graupe und Karl-Heinz Brodbeck
  • Die Konrad-Adenauer-Stiftung im interkulturellen Dialog mit dem Islam
    Bernhard Vogel
  • Der Koran – „streng und furchtbar“?
    Zur Aktualität Goethes für den Dialog des Westens mit dem Islam
    Manfred Osten
  • Das Kunstwerk als Medium
    – Zur Bedeutung der Kunst im interkulturellen Dialog
    Barbara Thiemann

Informationen

  • Literatur zum interreligiösen und interkulturellen Dialog
    Kirstin Zeyer
  • Interkulturelle Philosophie.
    Literatur und Internetpräsenzen unter besonderer Berücksichtigung von China
    David Bartosch

Vorschau auf das nächste Heft

Zu den Autoren

Coincidentia

COINCIDENTIA – EINE NEUE ZEITSCHRIFT, EIN NEUER BLICK

Mit diesem Heft stellt sich eine Zeitschrift vor: „Coincidentia – Zeitschrift für europäische Geistesgeschichte“. Als Organ der Kueser Akademie hat sie sich die Aufgabe gesetzt, im Sinne des Denkens des Nikolaus von Kues das kulturelle und spirituelle Erbe Europas zu erforschen, weiterzugeben und für die Gegenwart fruchtbar zu machen. Den Anstoß dazu gab das Bedürfnis, der zunehmenden Ökonomisierung des sozialen, ethischen und geistigen Lebens entgegenzuwirken und die geistigen Traditionen, die in der öffentlichen Diskussion mehr und mehr in den Hintergrund treten, mit verstärktem Nachdruck in das gesellschaftliche Gespräch einzubeziehen. Dahinter steht die Überzeugung, dass gerade die Geisteswissenschaft Entscheidendes zur Sichtung und Klärung der heutigen Probleme beitragen und das Nachdenken über Lösungswege fördern kann. Was sich ergibt, ist ein neuer Blick auf unsere Gegenwart in verantwortlicher Zeitgenossenschaft.

Der Begriff einer (interdisziplinären) Geisteswissenschaft, der hier auch die Theologie einschließt, meint dabei nichts Überhöht-Isoliertes, wendet sich auch nicht gegen Technisches, Wirtschaftliches, sondern meint ein geistig bestimmtes Tätigsein, das ausgehend von den kooperativ verflochtenen einzelwissenschaftlichen Perspektiven die gesellschaftlichen Vorgänge im Hinblick auf das Humane und das gesellschaftliche Leben insgesamt zu bedenken suchtund um eine Neubegründung des Ethischen ringt, das auch ökologische und global-soziale Fragen einbegreift.

Anhaltspunkte für diese Erörterungen lassen sich aus der europäischen Tradition gewinnen, enthalten doch die historische Entwicklung und die überlieferten Werkzusammenhänge aller Disziplinen Diskursverläufe, die ein kritisches Anschauungspotential bereithalten. Der näher bestimmende Hinweis auf Europa soll in diesem Sinne keinen Exklusivitätsanspruch ausdrücken, etwa in dem Sinne, dass nur dort ein derartiger geistesgeschichtlicher Zugriff möglich wäre, sondern das Bekenntnis einer Einschränkung anzeigen: das der eigenen Gebundenheit an die europäische Tradition, womit auch die Anerkenntnis anderer Traditionen, anderer Geistesgeschichten ausgesprochen ist.

Ein prägendes Vorbild für diese geisteswissenschaftliche Sicht auf die Aufgaben und Probleme der heutigen Zeit wie für den prüfenden Blick auf die eigene, europäische Tradition ist das Werk des Nikolaus von Kues (1401-1464), auf dessen Grundgedanken einer notwendigen coincidentia oppositorum in jeder Verstehensauseinandersetzung der Titel der Zeitschrift verweist. Wie kaum ein anderer Philosoph der europäischen Geschichte hat Nikolaus von Kues die grundlegende dialogische Struktur jedes Gegebenen gesehen – und für das Gespräch des Menschen mit dem Göttlichen beschrieben. Zugleich aber hat Cusanus vor Augen geführt, wie für ein Bemühen um das Eine eine Vielfalt von Blickrichtungen nicht nur möglich, sondern gerade erforderlich ist, seien es die Blickrichtungen verschiedener Menschen, Religionen und Kulturen oder solche der Wissenschaften. Wie kein zweiter steht er dafür, die europäische Tradition produktiv zu rezipieren und mit Bezug auf die Gegenwart und die Notwendigkeiten der Zukunft kreativ umzugestalten.

Dieser Aufgabenstellung sollen themenzentrierte Hefte im Wechsel mit Heften freierer Zusammenstellung entsprechen. Das vorliegende Heft sucht – ausgehend von der 1453 von Cusanus verfassten Schrift „Über den Frieden im Glauben“ – die Diskussion der Bedeutung der Religion für Staat und Gesellschaft und der Stellung des Religiösen in der Gesellschaft voranzutreiben. Am Beginn stehen aus den Überlegungen des Nikolaus von Kues entwickelte Thesen, die ganz unmittelbar das Gespräch herbeiführen möchten. Es folgt eine Reihe von Aufsätzen, die spezifische „Perspektiven“ auf das Gesamtthema eröffnen. Daran schließen sich knappe „Ecksteine“ an, die den Raum des zu Erörternden abstecken sollen. Am Ende stehen „Informationen“, die Hinweise für die weitere Arbeit bereitstellen wollen.

Im Namen der Herausgeber
Wolfgang Christian Schneider

Grußwort

GRUSSWORT DER KUESER AKADEMIE FÜR EUROPÄISCHE GEISTESGESCHICHTE

Die Kueser Akademie für Europäische Geistesgeschichte verfolgt die Zielsetzung, Fragestellungen von übergeordneter Bedeutung und Relevanz für Kultur, Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft zu erkennen und Ideen für mögliche Handlungsperspektiven zu entwickeln. Dabei greift sie inhaltlich wie methodisch auf die reiche Geistesgeschichte des Abendlandes zurück. Eine besondere Rolle kommt dabei Nikolaus von Kues zu.

Die coincidentia oppositorum, der Ineinsfall der Gegensätze, bildet die methodische Leitidee im Denken des Nikolaus von Kues. Ein solcher Ineinsfall ereignet sich freilich erst im Unendlichen und bildet auf diese Weise einen Fluchtpunkt unserer Denkperspektiven, dem wir uns stets nur „konjektural“ nähern können. So ist die Koinzidenz für den Menschen zwar kein Ziel, das im Endlichen erreicht werden könnte, aber sie ist als eine Methode oder, wie Nikolaus von Kues in „De li non aliud“ sagt, als ein Weg zum Prinzip, dem ersten Anfang oder Gott, entwickelbar. Diese Methode liegt allen anderen Methoden zugrunde, die ohne sie nicht existieren könnten; denn sie ist das Denken selbst. Dessen unhintergehbare Natur bestimmt Cusanus als „Nichts-anderes ist Nichts-anderes als Nichts-anderes“, welche allererst das Andere zu Anderem macht, also die Welt der concreta als solche konstituiert. Doch indem das Denken die Fülle der Unterschiede und Gegensätze hervorbringt, ist es das einzige Vermögen des Menschen, das sie in ihrer perspektivischen Bedingtheit reflektieren und wieder verbinden kann. Cusanus stellt sich diese Verbindung nicht binär vor, wie auch die Dualität nur eine Beziehungsform innerhalb der Vielheit der concreta ist, sondern als Bewegung des Denkens durch eine Menge von wechselseitig bezogenen und einander ergänzenden Standpunkten hindurch. So beschreibt der Kueser in seinem Traktat „De visione Dei“, wie die Mönche in ihrem Gang um die Ikone des Allsehenden Christus bemerken, dass jeder von ihnen unverändert angeschaut wird, auch wenn sie sich gegeneinander bewegen. Im Bilde nimmt hier jeder die Denkpositionen und die Denkbewegungen des anderen ein, um ihren jeweiligen Wahrheitsbezug zu erleben.

Diese Auffassung hat tiefgreifende Konsequenzen für das Verständnis von Wissenschaft. Denn sie ist nicht einfach eine Erkenntnisfrage, sondern notwendigerweise zugleich sozial und dialogisch charakterisiert. Auch ist sie keine Sache abstrakter Theorie, sondern sie muss verstandene Empirie werden, was Nikolaus den Ineinsfall von Theorie und Praxis nennt. Die gemeinsame Denkerfahrung, die einen Austausch der Sichtweisen bedeutet, macht es möglich, das Streitgespräch in einen vielstimmigen Dialog zu verwandeln, wie wir ihn auch aus den Schriften des Cusanus kennen. Dabei gilt: ohne den Mut zur beständigen Verschiebung, welche die Bereitschaft zur Relativierung, ja praktizierten Aufgabe des eigenen partikulären „Ortes“ in der Welt bedeutet, wäre Wissenschaft im Sinne des Cusanus nicht möglich.

Die Kueser Akademie will mit Hilfe dieser Methodik die Fragen, die uns aus der Zukunft entgegenkommen, aufspüren und mit Hilfe der abendländischen Tradition in Fähigkeiten verwandeln, um die Gegenwart verantwortlich zu gestalten. Sie ist sowohl in der wissenschaftlichen Forschung wie in Lehre und Weiterbildung tätig.

Ein Projekt der Kueser Akademie wird mit dem vorliegenden ersten Band von „Coincidentia“ begleitet: nämlich die „2. Kueser Gespräche“. Die „Kueser Gespräche“ stellen einen Versuch dar, um eine verantwortliche Gestaltung der Gegenwart zu ringen. Sie diskutieren das Verhältnis von Staat, Gesellschaft und Religion im 21. Jahrhundert unter je spezifischen Schwerpunkten. Die „2. Kueser Gespräche“ am 7. Mai 2010 wollen eine Anregung geben, im Bereich der Religion nach Koinzidenz aus divergenten Perspektiven der Politik, Wirtschaft und Kultur zu fragen. Der zentrale Gesprächspartner, um welchen herum sich die Diskutanten bewegen werden, wird der Kueser Europäer mit seinen Ideen zu einem „Frieden im Glauben“ sein.

Henrieke Stahl, Alexander Licht